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Hermann Schulz
Für Kinder muss man besser schreiben!

Ein Seminar zu Kinder- und Jugendliteratur in Managua Eigentlich wollte ich nach zahllosen Reisen zwischen 1969 und 2005 Nicaragua meiden. Ich hatte den fragwürdigen Ruf, Geld für alle möglichen Projekte beschaffen zu können. Eine Einladung des Goethe-Instituts, einen Workshop zum Thema Kinder- und Jugendliteratur im Rahmen eines Literaturkongresses (Centroarnerica Cuenta) durchzuführen, wie schon im Oktober 2014 in Tansania, machte den Vorsatz zunichte. Die Möglichkeit, viele Freunde aus alten ,Kampfzeiten' wiederzusehen, war einfach zu groß. Außerdem lag mir das Thema am Herzen, und ich würde Lutz Kliche mit seinen perfekten Kenntnissen der Sprache und des Buchmarktes in Mittelamerika zur Seite haben. Er übersetzte vorab meine Vorträge zu zwölf Themen.

Ich konnte zwar auf meine Vorarbeiten zu Tansania zurückgreifen, es war aber nicht damit getan, Afrikaner gegen Zentralamerikaner auszutauschen. Zunächst rechneten wir mit rund 20 Teilnehmerinnen und Teilnehmern, es wurden dann 30: Autoren, Illustratoren, Bibliothekarinnen und Verlagsmitarbeiter. Am Vorabend übergab mir die Direktorin der Stiftung „Libros para Nifios" (Bücher für Kinder), Gloria Cari6n, drei Dutzend neuere Produkte aus verschiedenen Ländern mit der Bitte, sie zu beurteilen. Das fand ich schwierig, ich war nicht als ,Fachmann' angereist, sondern verstand meine Rolle als jemand, der als Autor und früherer Verleger Erfahrungen vermittelt und das Gespräch moderiert. Trotzdem war dieser Einblick in den aktuellen Markt nützlich. Hier las und sah ich, was den Kindern in diesen Ländern vermittelt wird. Mama liebt dich, Papa liebt dich, ich liebe Mama, eine gute Fee sagt, du sollst nicht stehlen oder lügen. usw.

Immerhin tauchten hin und wieder soziale Fragen auf: Arbeitslosigkeit, Schulprobleme. Und viele Albernheiten an Stelle von Humor (genau wie auf dem deutschen Buchmarkt!). Noch nützlicher war die Vorstellungsrunde; jede Teilnehmerin, jeder Teilnehmer beschrieb seinen Arbeitsbereich und formulierte, was ihn besonders interessieren würde. Kurz entschlossen ließen wir die Hälfte der Vorträge ausfallen und konzentrierten uns auf das, was für Wesentlich angesehen wurde in Ländern, in denen das Buch in Schulen, in Familien oder in den Medien keine öffentliche Wertschätzung hat:

Wie kann auf diesem Hintergrund Leseförderung stattfinden? Wo sind unsere Partner in der Gesellschaft? Welche Erfahrungen werden in anderen Ländern gemacht?
Welches Bild von ,Kindheit' spiegeln die vorhandenen Bücher?
Welche Wirkung kann eine Geschichte haben, die, wie ein Autor sagte, ,wie ein wärmendes Feuer' auf die kindliche Seele und sein Weltverständnis wirken?
Wie ist zu vermitteln, welchen Nutzen das Lesen hat?

Hier konnten Lutz Kliche und ich Erfahrungen der letzten fünfzig Jahre auf dem europäischen Buchmarkt weitergeben. Dazu benutzen wir eine Liste von Themen, die im Kinderbuch hierzulande eine wichtige Rolle spielen und für unsere Partner aus Zentralamerika weitgehend Neuland waren: Gewalt in Familien, Indoktrination durch religiöse Erziehung, Krieg, sexuelle Übergriffe, erwachende Sexualität,
Freundschaft und Konflikte. Konkurrenz in der Schule, Sieger und Verlierer, Einsamkeit, die Rolle von Langeweile u.v.m.
Zwangsläufig ergaben sich daraus entscheidende Fragen:

Was ist Kindern (in welchem Alter) zumutbar? Welche Verantwortung tragen Autoren und Illustratoren mit ihrer Arbeit? Welche Rolle spielen fiir Kinder Bücher mit Humor und Abenteuer, mit Phantasie und Wunderwelten?

Wenn wir, sogenannte Experten aus Europa, Neues zu vermitteln hatten, war es dieses: Die Lebenswirklichkeit der Kinder hat sich durch neue Medien, durch Filme und Fernsehen, drastisch verändert. Es ist unsere Verantwortung, auch und besonders als Autoren und Verleger, mit Büchern darauf zu reagieren! Weil Kinder mit dem, was ihnen in der Wirklichkeit und auf dem Bildschirm täglich begegnet, weitgehend allein gelassen werden. Wie kann man ihnen helfen, die Welt begreifen zu lernen? In den meistverkauften Veröffentlichungen in Zentralamerika wird noch ein Bild von Kindheit verbreitet, das die alten, aber verlogenen Vorstellungen von ,heiler Welt' bestätigt.
Was soll ein Kind, das von seinen Eltern nicht geliebt wird, damit anfangen? Wie soll es seine Einsamkeit bewältigen, wenn seine reale Welt in den Büchern, die man ihm gibt, nicht vorkommt?

Beispiele, wie Autoren (z.8. Peter Härtling, Paul Maar oder auch Mark Twain) sich dem Leben der Kinder zuwenden, sich an eigenes Kindheitsleid erinnern, sind ja zu finden! Wenn auch in der lateinamerikanisch-katholischen Literatur selten (von Horacio Quiroga einmal abgesehen). Uns lag daran, deutlich zu machen, wie wichtig es ist, gute Autoren (und davon gibt es in Zentralamerika viele!) für das Kinderbuch zu gewinnen - und dass das keinesfalls bedeutet, sich zu Kindern herabzubeugen! Tm Gegenteil zitierten wir (leicht verändert) Theodor Storm: "Für Kinder muss man schreiben wie für Erwachsene, nur noch 50% besser!"

Hermann Schulz lebt als Autor in Wuppertal. Im Juli erscheint "Der Junge
schläft schon ... Wendlandgeschichten
" (NordPark- Verlag. Wuppertal).