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Mehr als 30 Jahre nach den ersten Todesfällen ist der Kampf gegen das Virus noch nicht gewonnen.


Im November 1984 berichtete der Missionsarzt Dr. Martin Pöllath aus dem Missionshospital Kagondo in Tansania über das erschreckende und unerklärte Auftreten von Todesfällen junger Männer.

Aidswaisenkinder. Foto: P. Reijer

Sie würden unter Gewichtsverlust mit Fieber und Durchfall an einer Art von Lungenentzündung sterben, teilte er dem Missionsärztlichen Institut mit. Oft komme am Ende eine Art Hautkrebs hinzu. Keines der verfügbaren Antibiotika sei ausreichend wirksam. Zur gleichen Zeit begegneten wir in internationalen Medizinjournalen ersten Beschreibungen dieses Phänomens mit sprunghaft sich ausbreitenden Opferzahlen aus Haiti und Kalifornien. Der Zusammenhang mit homosexuellem Verhalten und Drogenkonsum per Nadel wurde aus der Zusammenschau der Fälle rasch klar.

In der Würzburger Tropen- und Infektionsabteilung meldeten sich 1985 die ersten Patienten mit Krankheitszeichen, die den Beschreibungen aus Ostafrika und Amerika entsprachen. Wir nahmen wahr, dass eine Reihe von ihnen auch schwere neurologische Störungen in Hirn- und Nervensystem hatten. War das nun auch für uns in der Krankenhaus-Station oder der Ambulanz ansteckend? Mit Barriere-Pflege, etwa wie bei einem Typhuspatienten, kannten wir uns aus. Aber hier kam etwas Neues, Bedrohliches, das zu dem sexbezogen war, dem wir hilflos gegenüberstanden. Wieder und wieder saßen wir mit unseren Pflegekräften im Team zusammen und wurden uns klar, dass diese Kranken alle unsere Hilfe in der Linderung und im Sterben von uns bekommen sollten, dass wir aber den Schutz aller Mitarbeiter und Kontaktpersonen ebenso ernst zu nehmen hatten. Wir entwickelten die ersten Kurse über die neue Seuche und die Schutzmaßnahmen.

Aids bleibt ein Problem. Foto: M. Reulecke

HIV/Aids in der westlichen Welt

Anfang der neunziger Jahre hatten Zeitungen und Fernsehsender HIV und Aids zu buchstabieren gelernt. Mit Schreckensberichten wurden die Ängste noch gesteigert. Die katholische Kirche schaffte es nicht, aus ihrer noch ausgeprägten Verneinung von Sexualität als einem der menschlichen Lebenserfüllung eigenen Gut heraus zu kommen und beharrte darauf, dass Geschlechtsverkehr nach dem Willen Gottes ausschließlich der Fortpflanzung diene. Beim ersten Aids-Kongress im Vatikan 1994 neigte sich Papst Johannes Paul 11. zwar einem Aidskranken zu und sagte, dass jeder Sterbende der liebevollen Fürsorge bedürfe. Die Erklärung als Strafe Gottes wurde von einer Reihe von Würdeträgern dazu geliefert. In Würzburg erlebten wir beim neu eingeführten Welt-Aids-Tag am 1. Dezember, als wir einige Betroffene zur Messe bei einem zugewandten Pfarrer mitbrachten, dass der Messner danach Bänke und Türklinken mit Weihwasser und Sagrotan abwusch.

Und Afrika litt. Als in den Neunzigern die Zahlen der WHO zu den Menschen, die mit HIV / Aids lebten und starben, genauer wurden, stiegen diese rasch weit über zehn Millionen. Ein Schatten des Todes lag über den Menschen des schwarzen Kontinents. Aufgerüttelt von diesem Notschrei gründeten Misereor und das Missionsärztliche Institut 1987 die Arbeitsgemeinschaft Gesundheitsdienste und HIV / Aids. Wie alle anderen Hilfsbereiten mussten wir erst lernen, was da los war mit dieser brutalen Seuche. Der nationale und internationale Verbund der mit HIV/Aids beschäftigten Institute und Universitäten wuchs atemberaubend schnell, und die Weltkongresse hierzu wurden zu Mammutveranstaltungen mit 10.000 Teilnehmern.

Blutentnahme. Foto: P. Reijer

Ganz rasch schieden sich die Ziele westlicher Firmen und Forscher, die im Wettrennen um Geld und Ansehen technische Lösungen in Diagnostik und Therapie suchten, von den Anliegen der Kirchen und Nichtregierungsorganisationen (NGOs), die Schutz und Hilfe für die Betroffenen in den Ländern des Südens forderten. Wir als AG Aids konzentrierten uns aus der langen Kenntnis der afrikanischen Missionshospitäler und Gesundheitszentren heraus zunächst auf Teste, die unter tropischen und einfachen Bedingungen sichere Ergebnisse boten. Von über 30 Firmen, die weltweit im Wettlauf ihre Produkte anboten, konnten wir zusammen
mit afrikanischen Laboratorien einige wenige taugliche identifizieren.

Es dauerte lange, bis der Spruch "ART (antiretrovirale Therapie) in Afrika unmöglich" besiegt wurde. In dutzenden Foren wurde auf Regierungsebenen, von NGOs und von Kirchen mit den forschenden Arzneimittelherstellern (VfA) gerungen um Patentzugänge, um Marktanteile und Handelsrechte. Der Pharma-Dialog der Gemeinsamen Konferenz Kirche und Entwicklung (GKKE) mit dem VfA war ein solches Forum, das zäh, still und mit der moralischen Kraft der Schwachen mit jedem Erfolg der Wissenschaft im Westen kleine Schritte für den Süden erreichte.

Aus dem Auftrag der bahnbrechenden Millenniumsziele, die den Kampf gegen Krankheit, insbesondere HIV / Aids, Tuberkulose und Malaria, zu einem zentralen Thema der Entwicklungszusammenarbeit machten, entstand der Globale Fonds (GF) gegen diese drei Seuchen. Er leistete viel und es ist ihm zu verdanken, dass die Vorbeugung vor Ansteckung mit dem HI-Virus gleichgewichtig mit der Behandlung von Menschen mit Aids gesehen wird.

Frauenstation in einem afrikanischen Krankenhaus. Foto: M Reulecke

In allen Ländern haben Kampagnen die Schutzregeln in Schulen, Jugendgruppen, in Slums und Fabriken getragen. Kein Mann und keine Frau in Afrika sollte sich heute mehr darauf berufen können, nichts von der möglichen Ansteckung beim Geschlechtsverkehr zu wissen, wie es auch kein IV-Drogenbenutzer mehr kann. Die Behandlung mit ART ist in die Mehrzahl afrikanischer Städte eingezogen, wo sie zunehmend von Fachkräften durchgeführt wird. Es geht also doch! Von 35 Millionen Menschen, die derzeit weltweit mit HIV / Aids leben – 24,7 Millionen von ihnen in Afrika – hatten 38 Prozent der Erwachsenen und 26 Prozent der Kinder 2013 Zugang zu ART.

Nicht mehr als Anfangserfolge

Zwischen 2001 und 2013 sind die Neuinfektionen um 38 Prozent zurückgegangen und die Todesfalle sind zwischen 2005 – dem schlimmsten Jahr – und 2013 auf 1,5 Millionen pro Jahr gesunken. Dies sind Anfangserfolge, aber nicht mehr. UNAIDS, die Aids-Organisation der WHO, wagt es mit einem kühnen Plan, 90 Prozent aller mit HIV lebenden Menschen bis 2020 mit ART versehen zu wollen und bis 2030 das Ende der Epidemie, das ist das Ende der Ausbreitung, verkünden zu können. Dazu ist Geld, sehr viel Geld nötig. Auf der Agenda des G7-Gipfels in Elmau / Oberbayem in Deutschland im Juli 2015 wird es wieder darum gehen, den Globalen Fonds und die meist betroffenen Länder zu unterstützen. In Deutschland schlossen sich humanitäre NGOs, die Werke der evangelischen und der katholischen Kirche und Betroffenengruppen zum „Aktionsbündnis gegen AIDS“ als Anwalt zusammen.

Solidaritätsmarsch gegen Ausgrenzung und Dikriminierung. Foto: E. Blüml

Noch bleibt die größere Hälfte der Menschen in Afrika ungetestet oder wird, wenn getestet, nicht ins Behandlungsprogramm aufgenommen. Die eigentlichen Ursachen der Ausbreitung der Infektion sind nicht besiegt: Missachtung von Frauen und Kindern in Slums und in Kriegen, Verfolgung von Homosexuellen und am schlimmsten die anhaltende Gleichgültigkeit gegenüber den Kranken und deren Ablehnung. Es geht um den fehlenden politischen Willen, Gesundheit wieder zu einem zentralen Aufgabenfeld der Entwicklungszusammenarbeit zu machen.

Die beiden Afrikanischen Synoden von 1994 und 2009 zeigen, welchen Weg die Kirche Afrikas in diesen 15 Jahren zurückgelegt hat. Bei der ersten Synode versuchten die Bischöfe Afrikas, die Identität und das Selbstverständnis der Kirche Afrikas neu zu finden. Danach haben sie sich auf den Weg gemacht und auf der zweiten Synode ihre Zukunftsrnission in den afrikanischen Gesellschaften formuliert. Im Schlussdokument heißt es: „Ihr seid das Salz der Erde, ihr seid das Licht der Welt. Die wahre Familie Gottes werdet ihr nur sein, wenn ihr eine Afrikanische Gesellschaft lebt, die Recht und Ordnung fördert, das Recht der Anderen achtet und gleichen Zugang zu den Gaben des Landes garantiert.“

Afrikanische Kirche ist unabhängiger geworden

Die Kirche Afrikas ist seit 2009 vorangekommen in Versöhnung untereinander, im Eintreten für Demokratie und Gerechtigkeit und Frieden und sie ist unabhängiger geworden von westlichen Vorbildern. In einer Kirche, die von afrikanischen Christen gelebt und gestaltet wird, hat das Eintreten für das Leben oberste Bedeutung, wie es afrikanischem Familienempfinden entspricht. Kranke können nur in dieser Gemeinschaft heil werden und nur da Versöhnung mit ihren Ahnen im Tode finden. HIV/Aids hat diese Einbettung von Kranksein in die Familie empfindlich gestört. Wie soll der Akt, der Leben bringt, zum Tode führen?

Viele Bischöfe, Priester und Laien haben sich aufgemacht, in diesen Urkonflikt Versöhnung zu bringen und ihren leidenden Mitchristen beizustehen. Sie stecken in einem Spagat zwischen den römischen Vorgaben mit der Ablehnung von Pille, Kondom und Liebesakt vor der Trauung und der gelebten Wirklichkeit. In dieser sind die traditionellen Regeln gefallen.

Aber HIV / Aids gilt als tiefe Schande, die mit Ausgrenzung bestraft wird. Die Versuche, zu dieser Versöhnung und einer theologischen Öffnung zu gelangen, sind in den meisten Hirtenbriefen noch formelhaft und wenig mutig. Mutig und wegweisend waren in vielen hart geprüften Diözesen aber die Laien, begleitet von Ordens leuten. Sie schufen aus nahezu Nichts Hauspflegedienste, Waisenversorgung, Möglichkeit zum weiteren Schulbesuch und Begleitung von Trauernden. Es ging von unten nach oben und heute sind die katholische wie die evangelische Kirche führend in Prävention und Therapie in Afrika. Dies erkennen sowohl die Regierungen als auch die WHO an.

Die Uraufgabe der Kirche erschöpft sich nicht im caritativen Dienst am Leidenden. Die Zuwendung in der Verzweiflung, in der Einsamkeit bedarf der Priester und Diakone, die mit Wort und Segen aufrichten, begleiten und versöhnen. Bischöfe und Ausbilder von Priestern und pastoralen Kräften in Ost- und Südafrika haben erkannt, dass sie hier noch viel tun müssen. In ihren Priesterseminaren wird die Pastoral für Aidskranke bisher weitestgehend ausgespart. Der unbedachte Hinweis von Priestern, dass für dieses Thema die Gesundheitskräfte zuständig seien, zeigt die Scheu, sich mit der Fragestellung Sexualität und Leben auseinanderzusetzen. Dass nun afrikanische und europäische Theologen und Ärzte zusammen dieses Defizit in einer Mehr-Länder-Studie bearbeiten konnten, hat uns beflügelt und zugleich besorgt gemacht, ob wir der Realität näher kommen. Die beauftragenden Bischöfe aus Afrika und Deutschland erhoffen sich von den Ergebnissen der Studie, die bereits in einer Reihe von Diözesen besprochen wurden, Anstöße für die pastorale Arbeit. Sie müssen zu einer Öffnung der Bischöfe und Priester gegenüber diesem Tabuthema führen.

Klaus Fleischer
(entnommen mit freundlicher Genehmigung "Heilung und Heil", Ausgabe 1/2015)


Prof. Dr.med. Klaus Fleischer

1939 geboren in Regensburg, geprägt von humanistischem Benediktiner-Gymnasium; Medizinstudium in Würzburg, Beitritt zur Studentengruppe des Missionsärztlichen Institutes, Studium Berlin und Engagement in Hochschulgemeinde Ost-Berlin, 3 Monate Famulatur in Nigeria und Ghana, Staatsexamen; danach 2 Jahre Medizinalassistenten Zeit und Promotion, Diploma in Tropical Medicine and Hygiene London und Arbeit an der Kinderklinik Edinburgh, Missionsarzt mit Familie in Jos, Nord Nigeria, Ausbildung und Masterkurs Klinische Tropenmedizin School of Hygiene & Tropical Medicine London, 1975 Facharzt Innere Medizin Univ. Würzburg;1977 Chefarzt der neu errichteten Tropenmedizinischen Abteilung der Missionsärztlichen Klinik Würzburg, Habilitation im Bereich Tropenmedizin Univ. Würzburg, 1978 – 2007 Vorstandsmitglied des
Missionsärztlichen Instituts Würzburg; jährliche Kurzeinsätze und Trainingsreisen in Afrika und Indien. Zahlreiche Lehrveranstaltungen zur Medizin in den Tropen an den Unis Würzburg, Heidelberg, Erlangen und Göttingen; Netzwerk mit kirchlichen und staatlichen Werken der Entwicklungszusammenarbeit, Betreuung zahlreicher Doktoranden im Bereich Tropenmedizin, insbes. zu Lepra, HIV/Aids und angepasster Technologie; 2008 bis heute einer der von ca. 500 Mitgliedern gewählten 11 Delegierten des Missionsärztlichen Institutes.