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50 Jahre Tübinger Erklärung

Leben in guter Beziehung


Als ich gebeten wurde, einen Beitrag für das Jubiläumsjahr 2014 der Tübinger Erklärung zu schreiben, tat man dies mit der Begründung, dass an den damaligen Konsultationen auch Katholisch-Glaubende teilnahmen. Dieses Wort irritierte mich. Inzwischen aber dämmert es mir, dass mit diesem Begriff etwas Besonderes gelungen ist: Man hat die festgemauerte Zweiheit von Protestanten und Katholiken aufgehoben und unsere Einheit im Glauben herausgestellt. Die Konfession erhält die nachrangige Bedeutung. Jetzt fühle ich mich wohl damit.

Sich im evangelischen Tübinger Deutschen Institut für ärztliche Mission (DIFÄM) vor 50 Jahren mit falschem Stallgeruch zurechtzufinden, war gar nicht so leicht. Als einer von zwei Studenten konnte ich den neuen und aktiven Direktor unseres Missionsärztlichen Instituts, Professor Dr. Pater Urban Rapp, Missionsbenediktiner der Abtei Münsterschwarzach und zugleich Kunsthistoriker, nach Tübingen begleiten. Der erste Rundgang über den Marktplatz ist mir gut in Erinnerung. Die hohen Giebel schienen mir bedrohlich und bedrängend, das Gegenteil vom barocken Franken, wo wir daheim waren. Die Gespräche verliefen würdig mit klarer Senioritätsfolge, umrahmt von Gebeten, bei denen wir die Augen niederschlugen. Nach dem Nachtmahl mit Blümchentee wurde uns allen eine geruhsame Nacht geboten bis zum Morgengebet. Was sollten zwei Studenten so früh tun? Der Garten war offen, aber die Türe zur Straße zu. Ein Sprung über die Mauer war leicht, und durstig wanderten wir ins Tal. Der Heimweg war fröhlich. P. Urban erzählte uns auf der Heimfahrt unter dem Siegel der Verschwiegenheit, dass ihm sein Mitbruder Martin Scheel zwei Flaschen Bier hinter dem Vorhang ins Zimmer gestellt hatte.

Martin Scheel und Urban Rapp hatten sich in den beiden Vorjahren mehrfach getroffen und in den Instituten besucht. Die beiden Theologen mit dem Blick nach Afrika, mit Kriegserfahrung und medizinischem Hintergrund – Arzt bzw. Sanitäter in Nord-Afrika – hatten dabei eine tiefe Gemeinsamkeit in ihrem Glauben, ihrem Weltbild und den Zielen für ihre Institute entwickelt. Sie bezeichneten sich halb ernsthaft halb scherzend als Bruder Martin und Bruder Urban.

Das Missionsärztliche Institut (MI) stand damals ganz im Banne des laufenden Zweiten Vatikanischen Konzils. Es waren nicht die Glaubensreform oder die Liturgie-Neuordnung, die uns Missionsmediziner, eine ziemlich feste Truppe von ca. 30 Medizinstudenten/innen, im Saloon unseres Studentenwohnheims oder bei den Konventen mit P. Urban die Köpfe heißreden ließen, sondern das neue Missionsdekret. Da stand doch tatsächlich drin, dass „das heilende Handeln“ ein missionarischer Auftrag in sich sei und nicht mehr nur der Vorläufer der Ausbreitung des christlichen Glaubens. Plötzlich hatten wir mit dem Auftrag unseres Instituts einen Eigenwert und waren nicht mehr nur die notwendigen Helfer der Missionare vor und nach der Taufe. Da lasen wir auch, dass das weltweite Volk Gottes in seinem jeweiligen Glauben erlöst wird, wenn es diesen Weg in der Suche nach Gott geht. Welch ein Aufbruch!

Gegründet wurde das MI 1922 von katholischen Missionsorden und missionsinteressierten Bischöfen, die in allen Missionsgebieten erfahren hatten, dass die Leibsorge für Kranke und Gebärende nach der Seelsorge und der Schulbildung entscheidend für die Gewinnung neuer Christen war.
Ordensfrauen als Krankenschwestern gab es vielfach, nicht aber Ärzte/innen, die diesen Dienst leisten konnten. Das DIFÄM, das bereits 15 Jahre Erfahrung in missionsärztlichem Dienst hatte, war daher bei diesem Anfang in erheblichem Maße geistiger Pate. Ein entscheidender Unterschied bestand darin, dass im DIFÄM eine theologische Ausbildung in der Vorbereitung und die Teilnahme an der Christenmission in Wort und gemeinsamem Gebet selbstverständlicher Teil des Auftrages waren. Im MI war das explizit nicht der Fall. Es sind Stimmen von Missionaren dokumentiert, die vor einer Einmischung der Ärzte in den Missionsdienst warnten. Gefordert wurde dagegen eine klare Unterordnung der Laien unter die Missionare. Die erste Satzung des MI drückte dies klar aus. Der Neuanfang 1946 nahm diese Satzung wieder auf. Ausgebildet wurden wir alle streng in der Individualmedizin der damaligen Zeit: „Der Arzt und die Schwester/Pfleger und ihr Kranker“, für den es nach bestem Können zu sorgen galt. Sein Seelenheil war Aufgabe der Priester.

In diesem Spannungsfeld zwischen den alten Ordensleuten, die unsere Einordnung verlangten, und unserem Streben nach Unabhängigkeit über das rein medizinisch Fachliche hinaus und unserer Beteiligung an den Entscheidungen über die Weiterentwicklung der Hospitäler tauchte plötzlich die Tübinger Botschaft auf. Mit deren erstem Teil „Die christliche Kirche hat eine besondere Aufgabe auf dem Gebiet des Heilens“ fühlten wir uns eins. Nach MI-Verständnis wurde diese Aufgabe von den Missionaren in Orden und Diözesen uns medizinischen Fachkräften übertragen, wenn uns der Würzburger Bischof mit den Mitgliedern des Instituts feierlich verpflichtet und ausgesandt hatte. Das Missionsdekret des Vaticanum II sahen wir als die Bestätigung. Mit der weiteren Tübinger Aussage: „Das christliche Handeln ist primär der Gemeinde als Ganzes aufgetragen und nur damit auch denen, die besonders dafür ausgebildet sind … “ kamen wir dagegen nicht zurecht. Das ‚Gesundbeten‘ sahen wir mit unserer Ausbildung und unserem Arbeitsauftrag nicht in Deckung. „Sentire cum ecclesia“: Ja, aber nicht mit Predigen, sondern im christlichen Beispiel ohne Ansehen von Religion und Person, ohne Vorteilsnahme und als Vorbild für alle einheimischen Mitarbeiter war der Konsens. Das „opus operatum“, die geleistete gute Tat, war das von Theologen verwandte Wort dafür. Ich erinnere mich an einen Besuch von Dr. Rainward Bastian und dem unvergessenen Dr. Aart van Soest in Würzburg, bei dem der Gemeindeauftrag des Heilens und der Arbeitsauftrag an den individuellen Missionsarzt gegenübergestellt wurden.

Der Tübinger Gemeindebezug ist eine geistige Wurzel der Primary - Health - Care -Idee von Alma Ata 1968. Mit Maurice Kings roter Bibel „Medical Care in Developing Countries“ kam diese Botschaft auch langsam in Würzburg an. Viele von uns pilgerten nach London oder Liverpool, um mit einem Diploma in Tropical Medicine and Hygiene das praktische Rüstzeug für die Tropen, aber auch die neue Lehre, „die Menschen an ihrer Gesundheit zu beteiligen”, aufzusaugen. Von überragender Bedeutung bei der Umsetzung waren sowohl für Tübingen wie Würzburg Prof. Dr. Hans-Jochen Diesfeld und sein Team am Institut für Tropenhygiene und Öffentliches Gesundheitswesen der Universität Heidelberg. Er war unser Vordenker und anerkannter Mentor in zahllosen Seminaren, Vorlesungen und Büchern. Ein Jahrzehnt später hat die Seuche HIV/Aids die Struktur hier und die Arbeit draußen unserer beiden Institute deutlich verändert. Wir waren plötzlich fachlich neu gefordert, um den kirchlichen Gesundheitsdiensten in Afrika, Asien und Lateinamerika in ihrer Not helfen zu können. In Würzburg entdeckten wir in der Home – Based – Care - Antwort vieler Gemeinden im südlichen Afrika, die sich selbstlos und ohne Diskriminierung ihrer Klienten zur Hilfe zusammenfanden, die Tübinger Botschaft neu. Im Aktionsbündnis gegen HIV/Aids entstand durch uns beide eine christliche Säule gegenüber den staatlichen und humanitären Gruppen.

Difäm und MI haben sich in den vergangenen 50 Jahren jedes auf seine Art und in vielen Wegen gemeinsam weiterentwickelt in der Suche, den Missionsauftrag zu erfüllen. Neben der Aussendung von Gesundheitsfachkräften sind Beratung und Training örtlicher Mitarbeiter und das Eintreten für das Anliegen der Armen in der Einen Welt herausragende Aufgaben geworden. Gegenseitig sind wir längst Mitglieder und beraten uns in unseren Gremien. Die Missionsärzte Dr. Margret Marquart, der Weiße Vater P. Dr. Ludwig Peschen und Dr. Jutta Pehle haben als Katholisch-Glaubende im DIFÄM lange Jahre als Referenten gearbeitet, und Ähnliches ist längst selbstverständlich bei uns. Die Verbundenheit der Brüder Martin Scheel und Urban Rapp wurde zwischen Rainward Bastian und mir in Begleitung unseres Geschäftsführers Karl-Heinz Hein-Rothenbücher fortgeführt. Sie bewährte sich in der jahrzehntelangen Auseinandersetzung mit der Pharma-Industrie im Pharma-Dialog. Aus dem ökumenischen Dreieck Heidelberg, Tübingen und Würzburg – wie es Diesfeld nannte – entstand durch Frau Dr. Gisela Schneider und Professor Dr. August Stich die Akademie für globale Gesundheit und Entwicklung (AGGE). Die Evangelisch- und Katholisch-Glaubenden werden in der säkularen Welt weit über unsere Generation hinaus gefordert sein. Ich wünsche Ihnen Gottes Segen

Klaus Fleischer



Prof. Dr.med.Klaus Fleischer
1939 geboren in Regensburg, geprägt von humanistischem Benediktiner-Gymnasium; Medizinstudium in Würzburg, Beitritt zur Studentengruppe des Missionsärztlichen Institutes, Studium Berlin und Engagement in Hochschulgemeinde Ost-Berlin, 3 Monate Famulatur in Nigeria und Ghana, Staatsexamen; danach 2 Jahre Medizinalassistenten Zeit und Promotion, Diploma in Tropical Medicine and Hygiene London und Arbeit an der Kinderklinik Edinburgh, Missionsarzt mit Familie in Jos, Nord Nigeria, Ausbildung und Masterkurs Klinische Tropenmedizin School of Hygiene & Tropical Medicine London, 1975 Facharzt Innere Medizin Univ. Würzburg;
1977 Chefarzt der neu errichteten Tropenmedizinischen Abteilung der Missionsärztlichen Klinik Würzburg, Habilitation im Bereich Tropenmedizin Univ. Würzburg, 1978 – 2007 Vorstandsmitglied des Missionsärztlichen Instituts Würzburg; jährliche Kurzeinsätze und Trainingsreisen in Afrika und Indien. Zahlreiche Lehrveranstaltungen zur Medizin in den Tropen an den Unis Würzburg, Heidelberg, Erlangen und Göttingen; Netzwerk mit kirchlichen und staatlichen Werken der Entwicklungszusammenarbeit, Betreuung zahlreicher Doktoranden im Bereich Tropenmedizin, insbes. zu Lepra, HIV/Aids und angepasster Technologie; 2008 bis heute einer der von ca. 500 Mitgliedern gewählten 11 Delegierten des Missionsärztlichen Institutes.